Die Jahre der Kommune

Lesung und Vortrag zur Geschichte der 68er-Bewegung
Donnerstag, 18. Oktober 2018 um 19:30 Uhr
Volkshochschule Kaufbeuren, Spitaltor 5
Eintritt: 10,00 €
ermäßigt: 5,00 €

Bild: © Mathias Wild (Ulrich Enzensberger)
Die Geschichte der Kommune I, erzählt von einem, der dabei war. Neben Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und anderen war Ulrich Enzensberger einer jener »Kommunarden«, die in der Zeit, als die USA Vietnam erledigen wollten, mit dadaistisch-politischen Aktionen Westberlin verrückt machten. Die KI provozierte die von den Alliierten kontrollierte Front- und Mauerstadt und ihre Bewohner, die nicht wahrhaben wollten, dass die Deutschen den Zweiten Weltkrieg angefangen und verloren hatten. Es kam zur Revolte der Außerparlamentarischen Opposition, die davon träumte, die Westsektoren der alten Reichshauptstadt in eine Freie Räterepublik, in eine Drehscheibe der Weltrevolution zu verwandeln. – Oder war da etwa noch mehr?
»Wir sind das Schlangenei, aus dem die Rote Armee Fraktion gekrochen ist. Ein Mythos. Wir sind die Erfinder der Spaßgesellschaft. Wir waren die ersten, die auf den irren Gedanken kamen, ein Kaufhaus in Brand zu stecken. Einer war das Alphamännchen. Wir hatten alle einen Kopfschuss. Gruppensex. Antisemiten. Unser Vorbild war Mao. Alles nicht wahr. Da waren gar keine Frauen dabei. Die hatten Orgasmusprobleme. Das Problem war der Abwasch. Spaßguerilla. Wir sind dem Osten auf den Leim gegangen. Teufel hat uns ins Gesicht geschissen. Bürgersöhnchen. Wir wollten die deutsche Familie zerstören. Apo-Opas. Wir waren restlos verklemmt. Bis Uschi kam. Urdeutsch. Bei jeder Anklageschrift haben wir uns kindlich gefreut. USA–SA–SS. Wir haben die Klotüren ausgehängt. Ein Mythos. Terroristen. Ulbrichts Lakaien. Ein einziger Horrortrip. Die ersten deutschen Pop-Ikonen. Verfassungsschutzgesteuert. Verkrustete Formen aufgesprengt. Tonnenweise LSD gefressen. Wir saßen jahrelang im Knast. Kunzelmann ist wirklich tot. Noch einen Rotwein. Wir leben jetzt in der Toskana. Ideal für eine Vorabendserie. Wenn es der Wahrheitsfindung dient. Alle Professoren geworden. Alles Sozialfälle. Das ist die Wahrheit. Ein Mythos.«

Die westdeutsche Außerparlamentarische Opposition (APO), jahrzehntelang ein reizvolles Objekt wechselnder Gefühle – Hass, Bewunderung, Ekel, Sympathie und Verachtung – verschwindet im Nebel der Vergangenheit. Heute, so Enzensberger, verblasst die Erinnerung an die globale Jugendrevolte von 1968, begraben 1989 unter dem deutschen Mauerfall. Es ist höchste Zeit, so Enzensberger weiter, mit der Selbstbeweihräucherung Schluss zu machen, ohne dabei eine Armesündermiene aufzusetzen.
 
Leitung: Ulrich Enzensberger
Kaufbeuren
V015n 18.10.18
Do